Just a normal trip ?!

Ich hatte gewonnen! Getreu dem Motto: „auch ein blinder Bauer trinkt mal 'nen Korn“ überreichte mir der Postbote mit einem süffisanten Lächeln meine Gewinnmitteilung. Im Nachhinein fällt mir auf, das er mich dabei recht merkwürdig musterte, so, als wolle er sich mein Aussehen noch einmal genau einprägen. Ich machte mich nach Durchsicht der Papiere sofort auf den Weg zu meinem örtlichen Reisebüro, um meinen ultimativen Abenteuerurlaub unter Dach & Fach zu bringen. Auf meine Frage nach dem Impfzeugnis und den nötigen Personalpapieren wurde mir erklärt, eine Bescheinigung über ein frisch hinterlegtes Testament sei ausreichend. Müde lächelnd ob des flachen Witzes verließ ich die Travell Agency und besuchte meinen Outdoor-Ausstatter. Da ich nicht genau wußte, was da auf mich zukommen konnte, nahm ich von jedem etwas mit.

So gerüstet begab ich mich mit Sack & Pack zum festgelegten Termin zum Hauptbahnhof, wo ich auf eine schon wartende Gruppe HardCore-Abenteuerer stieß. Nach der Begrüßung durch unseren Führer ging's los. Jedoch nicht, wie wir dachten, auf irgend ein Gleis, wo uns ein Zug in die letzte Wildnis bringen sollte, sondern, zu unserem Erstaunen, runter in die U-Bahn. Mit der Linie 1 fuhren wir eine Weile, bis unser Guide uns auszusteigen hieß.

Nach einem kleinen Fußmarsch standen wir dann mit Sack & Pack vor einem hohen Tor. Dumpf dröhnte innen ein Gong, gefolgt von lautem Gefauche, Gekläffe und ähnlich lieblicher Tierstimmen. Knarrend und ruckelnd bewegte sich ein Flügel des Tores in den Angeln. Als der Spalt weit genug war, betraten wir ... schwer ist's zu beschreiben! So ungefähr muß sich Dante sein „Inferno“ vorgestellt haben, eine Szene aus einem „Endzeit-Szenario“ Marke Hollywood: im Dunkel der Nacht loderten Flammen aus der aufgeborstenen Erde, aus Kratern stieg stickiger Qualm, ausgebrannte Autowracks lagen verstreut herum. Auf dem einmal gepflegten Rasen lagen menschliche Körper, ganz und teilweise, verstreut herum. Hunde, groß wie Kälber, liefen laut anschlagend an Laufleinen hin und her. Am jenseitigen Grundstücksende stand ein Gebäude, schwarz und drohend, die blinden Fenster wie die toten Augen eines skelletierten Schädels teilnahmslos auf uns gerichtet. Das Dach, soweit man im Dunkel erkennen konnte, war einer Attacke zum Opfer gefallen, wie Baumstümpfe nach einem Waldbrand ragten verbogene Stahlträger in die Finsternis, Über Allem lag ein modriger, fauliger Geruch nach Tod und Verwesung.

Nun gar nicht mehr so mutig bewegten wir uns, von unserem Führer dazu aufgefordert, auf etwas zu, was wohl einmal der Haupteingang gewesen sein muß. Am Gebäude konnte man beim Näherkommen ein Paar große Buchstaben ausmachen. „..eme.s“, mehr war nicht zu erkennen. Knirschend bahnten sich unsere Stiefel den Weg durch geborstenes Glas und anderer Trümmer vor dem ehemaligen Eingang. „Willkommen bei der XYZ-Besichtigungs-Tour“ für Fortgeschrittene.“ WAS ??? Das soll wohl  'n Scherz sein? Doch ein Blick zurück über unsere Schultern ließ uns fluchtartig die Halle betreten: jemand hatte die Hundeleinen alle auf einmal gelöst!

Hinter der halb zerfallenen Rezeption saß Madame Horror, greißlich wie d´Nacht finster, eine räudige Katze von ungeahnter Größe und noch nie gesehener Häßlichkeit auf ihrem Schoß. Das Ding in Afrika ausgesetzt, und die dort ansässige Fauna hätte sich fluchtartig nach Madagaskar verzogen, ja, auch die Elefanten. „Fangen wir zur Einstimmung mit etwas Leichtem an“ meinte unser Führer, „Nehmen wir die Kundenbetreuung“. Nach dem wir um ungezählte Ecken in halb zerfallenen Korridoren gebogen waren, donnerte vor uns kettenrasselnd eine Zugbrücke auf einen Krater hernieder. Tief unten sah man schwach ein Glühen und dunkler, beißender Rauch stieg aus der Tiefe auf. Gleichzeitig öffnete sich knarrend eine Tür und wir betraten ... in anglo - amerikanischen Ländern würde man diese Räume als „Hall of Tortoure“ bezeichnen.

Unmengen von Akten lagen auf dem Boden herum, im Dämmerlicht einiger Schmiedefeuer kaum zu erkennen hingen bemitleidenswerte Kreaturen in Ketten an den Wänden, verstümmelte Gestalten krochen wehklagend über den Boden, verfolgt von peitschenschwingenden, brüllenden Wesen, die gnadenlos auf ihre Opfer einschlugen. „Wenn der Vertrag B54872154 nicht gleich gefunden und storniert ist, kommen die nächsten 20 an die Wand“ dröhnte eine Lautsprecherstimme. Irgend etwas donnerte glühendheiß durch unsere Gruppe und bohrte sich krachend in die nächste Wand, fluchtartig verließen wir den Raum.

„War doch ganz nett, oder?“ meinte der Führer. „So, nachdem wir nun ein wenig aufgelockert sind, besuchen wir den Service.“  Da keiner allein den Weg zurück finden würde, mußten wir wohl mitspielen. Wir arbeiteten uns an mitgebrachten Tauen in einem alten, zerborstenen Fahrstuhlschacht in die nächste Etage hinauf und erreichten ... ja, wie soll ich es beschreiben? Es sah einer mittelalterlichen Schmiede im Großformat nicht unähnlich: auch hier dämmeriges Flackerlicht von unzähligen Feuern, an denen geschundene Körper Schwerstarbeit verrichteten. Auch hier wurden Körper durch die Peitsche geschunden, wurden glühende Schraubenzieher auf nackte Haut gelegt und wozu Zangen alles verwendet werden können, ... DAS beschreibe ich lieber nicht.

Die Ersten aus unserer Gruppe fielen auf die Knie oder wanden sich ab, um sich zu übergeben. „Na na, wer wird denn hier schon schlapp machen? Ihr seid wohl lauter Weicheier, Schattenparker, Sauna-unten-Sitzer? Ihr wolltet doch auf einen ultimativen Adventure-Trip, oder etwa nicht? Das nächste Mal fahrt ihr gefälligst mit der TUI! - Weicheier!!!“  grinste wohlgefällig der Scout.

Nachdem wir uns einigermaßen gefaßt hatten, ging es auf halsbrecherischen Pfaden durch das ganze Gebäude, oder vielmehr das, was davon noch stand. Nach einer haarsträubenden Klettertour von ganz oben durch den ehemaligen Nottreppenschacht, wobei 2 Kameraden in die Tiefe stürzten, gelangten wir im Keller an eine schwere Eichentür.

„Hier sind wir nun bei unserer ultimativen Adventure-Etappe, der Kantine angelangt. Die Geschäftsleitung gratuliert all denjenigen, die es doch bis hierher geschafft haben und lädt zu einem kleinen Imbiß ein. Doch bitte bedenken Sie, das Besteck ist Firmeneigentum und darf nicht als Souvenir mitgenommen werden.“ Mit diesen Worten öffnete uns unser Führer die Tür und ... Hier braucht der Erzähler einige Zeit, um wieder mit seiner Schilderung fortfahren zu können. Was da auf den Tischen und Anrichten stand, hätte jeder anständige Komposthaufen protestierend von sich gewiesen. Hätte man so etwas in einer  Kläranlage gefunden, wäre sie sofort stillgelegt worden und eine Sondermülldeponie hätte bei einem solchen Fund eine EU-Kommission auf Jahre hinaus beschäftigt, ganz zu schweigen von Amnesty International.

Nach 2 - 3 Sekunden war kein einziger von uns noch im Raum, alle lagen wir würgend auf dem, was einmal ein Flur gewesen sein muß. Die ach so hochgelobte Zivilisation, wo war sie geblieben? Der Gulag ist ein Paradies dagegen, die tibetanischen Gasminen ein Kurort und die Schwefelsümpfe von Orkus III ein Sanatorium gegen das, was wir eben zu sehen bekamen. Die Genfer Konvention, die Gesetze der Länder, in denen meine Erzählung veröffentlicht wird und vor allem die Menschlichkeit verbieten es mir, mehr als diese Worte darüber zu verlieren. Wenn das Ende der Welt so aussieht, dann laßt mich unter den ersten Opfern sein!

Grinsend und kopfschüttelnd lehnte unser Führer an der Wand, drehte sich 'ne Zigarette und wartete, bis wir wieder ansprechbar waren. „So, meine Herrschaften, eins ist noch über: die Chefetage!“ Ein Hoffnungsschimmer erhellte unsere Gemüter: eins noch, nur noch eins! Das Licht am Ende des Horrortunnels.

Mühsam schleppten wir uns vorwärts und nach wiederum endlosen Gängen, Treppenresten und Umwegen wegen eingestürzter Mauern und nicht begehbaren Fluren erreichten wir eine Tür, welche mit Stacheldraht, Stromsperren und Minenfallen gesichert war. Wir wurden einzeln von einer Kamera gemustert, mußten all unsere Ausrüstung in dafür vorbereitete Fächer ablegen und durften, außer unserer Unterwäsche, nichts am Mann behalten.

Als wir so nun fertig waren und ergeben auf unser Schicksal warteten, beleuchtete ein Laser den einzig gefahrlosen Weg durch die Minen, während die Tür sich langsam öffnete.

Gedämpftes, warmes Licht drang aus der Öffnung und Musik erreichte unsere Ohren. Ein wohlig weicher Teppich schmeichelte unseren Füßen und in die Nase drangen tausend Wohlgerüche, wie auf einem indischen Gewürzbasar. Leicht bekleidete, junge Frauen von ausgesuchter Schönheit und Grazie schienen über den Teppich zu schweben. Hätte Naomi Campbell diese Gangart beherrscht, von ihrer Gage hätte sie sich New York und Rhode Island kaufen können.

Wir befanden uns in einer Art Wartehalle, auf dem Boden waren weiche Kissen um Minitische drapiert und luden zum Verweilen ein. Nachdem sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten wurde die ganze Pracht ersichtlich. Gleich auf unserer Seite des Raumes lag eine „Pam Anderson-Look-Alike“ auf einem Diwan, gehüllt in zarte Schleier, ähnlich einer Londoner Nebelbank und fragte unseren Führer mit sanfter Stimme nach unserem Begehr. Er zog ein total zerknittertes Stück Papier aus seiner Hosentasche und überreichte es ihr. Nach einem Blick darauf drückte sie mit einem Lächeln auf eine Art Fernbedienung und nach kurzer Zeit erschienen einige leicht bekleidete, weibliche Wesen, um sich um uns zu kümmern. Indigniert betrachteten sie unser Äußeres, welches sich wirklich in einem beklagenswerten Zustand befand: dreckig, verrußt, die Klamottage lädiert wie unser Äußeres, kurz: ein Bild des durchlebten Horrors.

Nach kurzem Zögern wurden wir von zarter Hand in ein Nebengemach geführt, welches aus 1001-Nacht entsprungen zu sein schien. Ein großes Becken, gefüllt mit warmen, wohlig duftendem Wasser  nahm die Mitte des Raumes ein. Um es herum gab es Liegen, bedeckt mit Fellen und weichen, warmen Laken und über Allem eine leichte, einschmeichelnde Musik von überirdischem Klang. Hätte Paul McCartney sie komponiert, er hätte sich von den Einnahmen ganz Südengland kaufen können! Nachdem wir den Rest unserer spärlichen Bekleidung abgelegt hatten, wurde ein jeder von so einem Zauberwesen in's Wasser geführt und liebevoll abgeseift. Wohlig streckten wir unsere geschundenen Nerven in diesem Balsam aus.

Nach einiger Zeit ertönte dezent ein Gong und wir wurden leise und unaufdringlich in ein Nebengemach geleitet, wo sich eine Tafel unter der Last erlesener Genüsse bog. Auch hier nur Kissen und Liegen, wie im alten Rom. Ein jeder legte sich mit seiner Begleiterin zu Tische und elfengleiche Figuren bedienten uns.

Dieses war kein Mahl, es war ein Sinnestaumel der Lust. Da der Raum durch leichte Schleier unterteilt war, welche sich in einer leichten Brise sanft bewegten, konnte man seine Nachbarn nur noch sehr undeutlich bemerken und so ließ sich ein mancher von seinen Instinkten und der Partnerin leiten und opferte der Mutter Natur.

Nach einer geraumen Zeit ertönte wiederum ein leiser, dezenter Gong und ein Herr in leichter Bekleidung erschien in Begleitung zweier „Center-Fold-Mädchen“. Er stellte sich als Leiter der Personalabteilung vor und erklärte, das die Chefetage noch Personalbedarf habe. Wer sich so einen Job vorstellen könnte, werde um Handzeichen gebeten. Alle Hände gingen sofort nach oben, bei manchem auch beide! Die Mädels gingen herum und verteilten Verträge mit langfristigen Laufzeiten, jedoch niemand erhob Widerspruch.

Als alle unterzeichnet hatten, erhob sich ein lautes Krachen und wir fanden uns, an Tische gekettet, wieder. Ein jeder hatte einen Rechner vor sich, dessen Designer aus der Hölle gekommen sein muß: die Tasten waren spitze Nägel, der Monitor blendete mit gleißender Helligkeit und alle 5 Sekunden stürzte das System ab! „Was soll das? Das war doch eben noch ganz anders! Dafür haben wir nicht unterschrieben!“ rief es durcheinander.

Der Chef der PA lächelte böse zu unserem Tumult und kam zu mir, um mir eins mit einer Peitsche überzuziehen. Von dem Hieb verlor ich vorübergehend das Bewußtsein.

Als ich wieder wach wurde, fand ich mich an meinem gewohnten Platz wieder, die Kolleginnen lächelten mich süffisant an und eine meinte: „Na, wieder wach?“ Ich hatte alles nur geträumt, scheiß Büroschlaf !!!