Morgens, bevor der Hahn kräht

oder

ÖPNV, der letzte Schlachtplatz der Menschheit

Es war kalt, bitterkalt und dunkel. Dazu pfiff ein eiskalter Wind, der sich seinen Weg durch Jacken, Pullover und Regenmäntel suchte, über die Gleise des Bahnhofs. Nur wenige versuchten mannhaft den Naturgewalten zum Trotz auf dem Bahnsteig zu bleiben. Frauen, Mädels, Weicheier  und Schattenparker hatten Schutz in der neu errichteten Bahnhofshalle gesucht. Es war ein schöner Bau, hübsch hässlich, roch noch nach Farbe und Kleber, aus Stahl und Glas mit dem Charme eines ungesäuberten Hundezwingers, der überfüllten Handtasche einer in die Jahre gekommenen Schminkschwuchtel, eine straffreie Beleidigung seitens des Erbauers.

Da, endlich nahten die Lichter des, wieder mal, verspäteten Zuges. „Wird ja auch endlich Zeit“ dachte er bei sich. Das Quietschen der Bremsen war ein persönlicher, unmittelbarer Angriff auf Gehör und Körper, alles vibrierte, selbst sein WalkMan kam dagegen nicht mehr an. Aber mit der Gelassenheit des Wissenden, alles hört mal auf und auch dieser Zug kommt zum stehen, begab er sich in Richtung Einstieg. Es wurde drängelig, eng und roch nach Nuttendiesel billigster Sorte. „Jetzt ein Funken von den Bremsen und der Bahnhof ist nur noch ein Krater“ dachte er, „den Gestank kriegt man nur noch mit Sagrotan weg“. Da der Zug etwas zu weit fuhr, mußte man bis zum Einstig ein paar Meter laufen. Die vor ihm stehende „Dame“ fing an, sich rückwärts auf ihn zu zu bewegen. Bevor sie ihm auf die Füße treten konnte, tippte er ihr auf die Schulter. „Entschuldigung, aber sie haben in der Schule in Physik nicht aufgepasst, gell? Sonst wüssten sie, das in diesem Universum nicht 2 materiell stabile Körper den selben Raum einnehmen können!“ Er trat einen Schritt zur Seite und bot ihr mit einer Handbewegung seinen Platz an. “Bitte schön, aber von hier sehen sie auch nicht mehr!“ Verstörtes Nichtverstehen stand in ihrem mit Farbe zugespachteltem Gesicht, nur 2 Männer in unmittelbarer Nachbarschaft fingen an zu grinsen. Wenigstens 2 mit Abi, dachte er sich. – „Was ist eine in HCL schwimmende Frau? ... ein gelöstes Problem!“ 

Er fand ein leeres Raucherabteil, wohlig leer, ruhig und dunkel. Tasche weg, Tür zu, hinhauen und ... RUHE! Ruckelnd fuhr der Zug an, wurde schneller und das Rollen der Räder  bekam das Tempo des Walkman's. Er döste, bis an dem nächsten Halt die Tür geöffnet wurde und ein junger Bengel wortlos eintrat. Er nickte wortlos grüßend, suchte sich im Dämmerlicht der spärlichen Notbeleuchtung seinen Platz und fiel ebenfalls in Halbschlaf. 

Der nächste Halt; krachend wurde die Tür aufgerissen, eine Lärmorgie wie auf einem Sportplatz nach einer Fehlentscheidung des Unparteiischen brauste durch nicht nur dieses Abteil: 3 Frauen stürmten die Sitze wie beim Schlussverkauf. Entsetzt ob der Ruhestörung drehte er seinen WalkMan lauter, lauter, bis an’s Ende des Regelbereiches, um das sinnlose, völlig überflüssige Geschwätz nicht mit anhören zu müssen. Da auf einmal ging das Licht an und, als sich seine Augen von der Attacke einigermaßen erholt hatten, gewahrte er eine .. ja?. Frau?. äh, nee, Weib?. Also, so’n Farbeimer... eine Zeitung auspackend! 

Das war’s, jetzt reichts! Er war zwar gutmütig bis in’s Mark, aber so nicht! Mord in den Augen erhob er sich langsam, sah den „Damen“ einzeln in’s Gesicht und sagte:“ Entweder hier Rauchen oder im Nichtraucher Lesen, aber DAS Licht hier bleibt aus!“  Es lag soviel Autorität in seiner Stimme, so ruhig und über jeden Zweifel erhaben, als verkünde sie ein Naturgesetz. Erschrecken zeigte sich auf den Gesichtern der Drei, ähnlich dem Ausdruck der Gazelle, wenn es die Zähne des Löwen im Nacken spürt und um das Unerbittliche weiß. Mit einer wie hingeworfenen Handbewegung und ohne hinzusehen wischte die Hand über den Schalter und der Raum versank in wohligem Dunkel. 

Ganz schwach konnte er durch den WalkMan das aufgeregte Geschnatter der drei Grazien vernehmen, aber wie ein Raubtier nach dem Riss gelassen mit der Beute weiterzieht ohne sich um das Durcheinander in der aufgeschreckten Herde zu kümmern, versank er wieder in wohligem Halbschlaf.           

Nachdem diese erste mentale Hürde dank des noch vorhandenen Halbschlafes einigermaßen unfallfrei genommen wurde, kommt hier schon die nächste Prüfung: das Firmentor! 

Geh' ich rein, oder nicht? Wie viele verzweifelte Gemüter hatten schon versucht, diese Frage zu bewältigen? Selbst in der Schulzeit, als das Leben noch einfach und die Mädels noch knackig und ungefärbt waren, selbst damals war keine befriedigende Lösung zu finden, zumal nicht vor einer Klausur. Vorbei am Schwarzen Brett in Richtung Fahrstuhl, doch halt ... gibt's was Neues? Ja, was ist denn das?