Sollten Krawattenträger Auto fahren dürfen?

Eine Betrachtung heutiger Business-People unter der Berücksichtigung moderner, innovativer Verkehrs- & Kommunikationsmittel.

Wer mit aufmerksamen Blick die  Gesellschaft in den letzten Jahren betrachtet hat, wird auf eine neu erschienene Spezies gestoßen sein: den Krawattenträger.

Seit Anbeginn des Lebens probiert die Evolution immer neue Formen und Varianten aus und was sich in einer veränderten Umwelt zurechtfinden kann, überlebt.

So entstand mit Beginn des Computerzeitalters der YUPPIE, eine Verballhornung von „Young Urban Buisiness People“. Doch als erste Form hatte sie es schwer: angefeindet von der allmächtigen Arbeiterklasse und unverstanden mußte sie ihrer Nachfolgegeneration, dem Krawattenträger, weichen.

Dieser ist im privaten Leben ein braver Häuslebauer aus der Vorstadt und entspricht, in der Regel, der deutschen Standardfamilie: Frau, meistens studiert (ev. abgebrochen, nach dem Motto: entweder ich mache meinen Doktor oder ich heirate einen!), 2 Kinder beiderlei Geschlechts und manchmal mißraten, wenig kirchenorientiert (dann schon eher einer obskuren Sekte angehörend) und eher im Golf- /Tennisclub als im Schützenverein zu finden.

Beruflich hat der Krawattenträger studiert. Permanent in höheren Sphären schwebend ist er daher kaum in der Lage, technisch unkonventionell zu denken, das Wechseln einer Kugelschreibermine stellt ihn vor ernste Probleme und die Programmierung des neu angeschafften Telefons überläßt er, sicherheitshalber und um nicht die Garantie zu gefährden, dem Service oder dem Verkäufer. Was man früher Haushaltsgeld nannte, ist bei ihm das Budget, die Höhe des Taschengeldes der Kinder richtet sich nach dem Dax(X) oder NASDAQ und da er nicht in der Lage ist, einen Büchsenöffner unfallfrei zu bedienen, geht er meist auswärts zum Essen.

Anatomisch läßt sich dieser Zustand eindeutig durch die Krawatte begründen: meist zu eng gebunden unterbindet oder beeinträchtigt sie  die Blutzufuhr zum Gehirn. Dieses wird dadurch mit Sauerstoff unterversorgt und reagiert mit Ausfallerscheinungen und / oder unvollständiger Verarbeitung ihm zugeführter Daten und Reize. Dabei läßt sich der Gebrauch einer Krawatte von nirgend woher folgerichtig ableiten, es sei, man denke an ein „Sabberlätzchen“ aus infantiler Zeit. Ein „normales“ Kleidungsstück hat seinen Zweck, bei einer Krawatte tut man sich mit einer logischen Daseinsberechtigung jedoch schwer.

Doch zurück zum Träger dieses Stoffteils: äußerst problematisch ist, wegen der damit einher gehenden Gefährdung, der Krawattenträger als Autofahrer. Nicht in der Lage, zwischen Beruf und Freizeit zu unterscheiden, betrachtet er die Welt als ein großes Büro. Egal ob im Fahrzeug, im ICE oder im PKW, dauernd ist sein Gehirn mit dem für ihn einzig real existierenden Problem des Geldverdienens beschäftigt. Selbst bei der Unterhaltung zwischenmenschlicher Beziehungen wägt er immerfort die Möglichkeit der z.B. steuerlichen Abschreibung einer weiblichen Kontaktperson ab.

Das Autofahren ist für ihn eine ebensolche Nebentätigkeit wie das Benutzen eines „Vertikalen-Leute-Transporters“ (Fahrstuhl), lästig, aber dennoch Raum bietend, um die letzten Statistiken zu modifizieren. Was kümmert es ihn, daß die Autobahn heute mal wieder voll ist, solange nur der Akku des Laptops genug Restkapazität hat. Das vor ihm rote Bremslichter aufleuchten ist nicht so schlimm wie die nicht aufgehende Kalkulation.

Um nicht ständig durch die riskanten Überholmanöver abgelenkt zu werden hält er sich unbeirrt permanent auf der äußerst linken Spur auf, egal wer da eventuell schneller von hinten ankommen könnte.

Für gelegentliche Beifahrer kann es, je nach der persönlichen Horror-Schwelle, ein ultimativer Kick sein, wenn der Krawattenträger als Fahrer von einem Kunden während der Fahrt angerufen wird und antwortet: „Einen Moment, ich hol' mir eben mal die Akte!“ Dann, die Aktion des Fahrens völlig ignorierend, beugt er sich nach hinten, öffnet seine Mappe, die er erst einmal unter Koffern, Mantel und Kartons mit Werbegeschenken hervor kramen muß, sucht den Ordner und ... reißt das Lenkrad herum, um dem Laster gerade noch ausweichen zu können! Des Beinahe-Unfalls ungeachtet meldet er sich wieder beim Kunden, bespricht mit ihm dessen Problem und reagiert sehr konsterniert, als ihm sein Beifahrer ob des durchlebten Schreckens die Papiere vollkotzt.

Ein ebensolcher Thrill erfährt der Beifahrer, bewegt man sich im Auto durch die Großstadt mit vielen Kreuzungen und Ampeln: wiederum abgelenkt durch geschäftliche Belange, das Handy, dem in jeder Kurve vom Schoß rutschenden Laptop oder die sperrige, aufgeschlagene Straßenkarte ignoriert er geflissentlich jedwede Ampel oder die Gestik wohlmeinender Polizeikräfte.

Da man ein Gehirn, anders als einen Rechner, nicht einfach mehr mehr Arbeitsspeicher nachrüsten kann, so ist es schnell an seiner  Leistungsgrenze angelangt. Jede rote Ampel wird daher ignoriert, es gibt sie einfach nicht! Meistens ist der so gesteuerte Wagen grade noch durch die kritische Zone durchgekommen, da kracht es hinter ihm auch schon. Doch auch dieses ist das völlig ausgelastete Fahrergehirn nicht in der Lage zu bemerken. Abends, im Hotel dann, ist er völlig konsterniert, sieht er in den Nachrichten die neuesten Unfallzahlen.

Eine weitere, nicht zu unterschätzende Quelle der allgemeinen Gefährdung ist die falsche Plazierung eines Mikrofons für das Handy. Die Probleme voraus sehend hat der Gesetzgeber schon das Telefonieren während der Fahrt untersagt, die Industrie jedoch fand die Lücke im Text und erfand das Freisprechen.

Nun ist dagegen im Grunde nichts einzuwenden, mit einem Beifahrer unterhält man sich ja schließlich auch und das meistens unfallfrei. Bei der Handyfonie jedoch wird ein Mikro in eine, die Optik nicht beeinträchtigende, Ecke gedrängt, meist oben links. Je nach Qualität desselben ist der Fahrer jedoch gezwungen, bei hohen Geschwindigkeiten und den dadurch verursachten hohen Fahrgeräuschen mit seinem Mund sehr nah an das Mikro heran zu gehen, will er doch verstanden werden. Man stelle sich nun einen Fahrer vor, der auf der Autobahn, linke Spur bei Tempo 160 und mehr, mit schief gelegtem Kopf und voll gestrecktem Hals (durch die Streckung der Halsmuskulatur schwillt diese an und die Krawatte wird noch enger!) unter der Sonnenblende hängt und sich lauthals mit der Fensterecke unterhält. Das Blickfeld wird dabei auf die Motorhaube reduziert und den erstaunten Blick des Fahrers bei der Beobachtung abrollender Personen oder Gegenstände von der Motorhaube beobachtend ist recht sehenswert.

Fazitierend kann  man nun resümieren, der Gesetzgeber sollte nicht das Handy, nein, er sollte dem Krawattenträger das Fahren untersagen. Ausnahmegenehmigungen wären nur mit psychologischen Gutachten genehmigungsfähig, wobei der Proband seine Fähigkeit des „totalen Abschaltens seiner Gedanken von seiner Berufswelt“ unter Beweis zu stellen hat.

Zudem sollte, wehret den Anfängen, dieser Personengruppe die Anbringung, Unterhaltung und Benutzung jedweder Kommunikationselektronik in selbst gesteuerten Fahrzeugen untersagt werden. Zuwiderhandlungen führen automatisch zum Verlust der Fahrerlaubnis und das beanstandete elektronische Material wird eingezogen und vernichtet, ohne dem Besitzer Gelegenheit zu geben, Daten zu speichern und zu sichern.

Als erzieherische Maßnahme wir ihm ein Laptop mit garantiertem Systemabsturz kurz nach dem Einloggen, ein Handy mit permanenter „Low Batt“- Anzeige nebst Empfangsstörung und einem Fahrzeug mit schwergängiger, ständig nach rechts ziehender Lenkung zugewiesen.

Man kann dann gespannt sein, welche Form dann durch die Evolution entstehen wird, ist dem Krawattenträger doch seine Daseinsgrundlage entzogen worden!

Aber zum Glück sind sie noch nicht so zahlreich, dass man überall über sie stolpert. Nur zur Rush hour sollte man von der Straße weg sein! Warum??? siehe oben!